Wirtschaftsvergehen

Wer stirbt? Wer bleibt übrig?

Finanzielle Massenvernichtungswaffen fahren die Ernte ein

Früher wurden Kredite gegen Sicherheiten vergeben. Jeder Hauseigentümer weiß das. Derivate in Verbindung mit Repo-Geschäften schöpfen Geld ohne Sicherheiten. Die eine Bank nimmt, die andere gibt – und das im Kreislauf ad infinitum. Das Geld kommt nicht in die Realwirtschaft, die dem Finanzsektor gleichgültig ist. Deshalb löst es keine Inflation aus. Der Kreislauf hat sich zum Killer-Spiel entwickelt: Live and let die (lebe and lasse sterben). Als Bear Sterns zusammenbrach war JP Morgan Chase der Sieger. Von Lehman Brothers Untergang haben die britische Barclays und Goldman Sachs profitiert.

Der Test hat funktioniert. Goldman Sachs hat mit Hank Paulson als US-Finanzminister mehrere Gesetze durchbringen lassen, die Derivate in safe havens (sicheren Häfen) verwandelt haben. Das bedeutet: Eine Bank, die Wertpapiere über Derivate besitzt, kann diese beim Konkurs der Schuldnerbank behalten. Durch zwei EU-Direktiven haben Derivate-Besitzer auch in Europa bevorzugten Gläubigerstatus. Während es im regulären Insolvenzrecht eine Bevorzugung von Gläubigern nicht gibt, ist sie bei Derivaten jetzt die Norm.

Nun konnte der nächste Testballon steigen: Mit MF Global war in 2010 eine US-Bank das Opfer, die Einlagen von 38.000 Kunden verwaltete und Farmern mit Warentermingeschäften die Einnahmen nach der Ernte absicherte. Insgesamt 1,2 Milliarden Dollar sind verschwunden; tausende Farmer haben ihr gesamtes Vermögen verloren. Branchenkenner vermuten, dass die 1,2 Milliarden über Derivate bei JP Morgan gelandet sind. Niemand ist verhaftet worden; es ist alles nach Recht und Gesetz abgewickelt worden.

Die EU-Banken-Regulierung soll uns beruhigen. Die belgisch-französische Dexia, die Darlehen an Kommunen vergeben hat, ist im „Stress-Test“ der Europäischen Bankenaufsicht mit der Bestnote bewertet worden und kurz darauf in Schwierigkeiten geraten. Belgien, Frankreich und Luxemburg mussten in 2011 Staatsgarantien in Höhe von 90 Milliarden Euro geben. Gewinner waren diesmal Banken in Canada, Hongkong und das Emirat Katar. Ihnen allen geht es darum, systemrelevant zu werden: so groß, dass sie bei einem Scheitern gerettet werden müssen (too big to fail) – Vollkasko für Raubüberfälle auf Kosten der Steuerzahler.

Hedge-Fonds betreiben das Derivategeschäft unter der Tischkante der regulierten Banken in einer atemberaubenden Größenordnung weiter. Die offiziellen Bankbilanzen sehen sauber aus; die Risiken werden verschleiert. Die mächtigste Bank der Welt, die Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat dem ihren Segen erteilt. Ist es ein Plan, verwundbare Banken oder schwache Nationen auszurauben? Was jetzt noch fehlt ist ein Crash-Ereignis, das die großen Spieler brauchen, um Wettbewerber abzuschießen. Niemand wird bei der Enteignung ein Gesetz verletzen oder bestraft werden. Es ist alles gut vorbereitet. Es wird viele Verlierer geben und wenige strahlende Sieger. Dann ist too big to fail passé; für Regierungen gilt dann too week to act (zu schwach zum Handeln): sie sind den großen Spielern untertan.

„Woher soll die Lösung kommen, wenn die Regierungen korrupt und die Massen degeneriert und erschlafft sind?“ hat Friedrich Schiller gefragt. Seine Frage ist aktueller denn je. Aber jetzt gibt es eine Antwort: Wenn Sie ein Publikum haben, können Sie mich zu einem Vortrag einladen. >>>
0 0
Gefällt mir
Drucken
An Freunde senden
Zum Newsletter anmelden
Veröffentlicht am von Prof. Wolfgang Berger, Leiter des BUSINESS REFRAMING Instituts Karlsruhe
Rubrik Wirtschaftsvergehen
Stichworte