Hamburger Abendblatt - Prof. Dr. Dr. Wolfgang Berger
Klartext: Wolfgang Berger. Massenentlassungen sind Selbstmord auf Raten, behauptet der Wirtschaftsprofessor.
Von ARNDT ASCHENBECK
ABENDBLATT: Seit einigen Jahren kann man ein seltsames Phänomen beobachten: Unternehmen fahren Rekordgewinne ein und entlassen gleichzeitig Tausende von Mitarbeitern. Jüngstes Beispiel ist die Allianz. Da stimmt doch im System etwas nicht?
WOLFGANG BERGER: In der Tat. Viele Unternehmen verfolgten in den letzten zehn Jahren nur ein Ziel: die Kosten zu minimieren. Die Crux dabei: Es sind in erster Linie die Mitarbeiter, die als Kostenfaktor angesehen werden. Deshalb ist es auch kein Wunder, daß laut einer Gallup-Studie nur rund 15 Prozent der Arbeitnehmer "loyal zu ihrem Unternehmen" sind. Zum Vergleich: In den USA sind es doppelt so viele. In letzter Konsequenz bedeutet das aber, daß man eigentlich gleich die ganze Firma dicht machen kann, wenn man die Mitarbeiter nur noch als Kostenfaktor sieht.
ABENDBLATT: Übertreiben Sie da nicht?
BERGER: Warum? Die Massenentlassungen sind meiner Ansicht nach die größten Sünden der Manager. Die betreiben mit den Entlassungen Selbstmord auf Raten, weil sie ihre Mitarbeiter statt als Produktivitäts- und Kreativitätsfaktoren nur als Kostenfaktoren ansehen. Und die Folgen sind schon abzusehen: Irgendwann wird es überhaupt keine Unternehmen mehr geben, die etwas produzieren oder Dienstleistungen erbringen, mit einer Ausnahme: Finanzholdings. Da die aber auf den Bahamas residieren, gibt es dann auch keine Arbeitsplätze mehr in Europa. Und so können wir alle auf die Bahamas auswandern und uns um die wenigen Jobs in den Finanzholdings prügeln.
ABENDBLATT: Das klingt etwas überzogen, Herr Berger. Haben Sie einen besseren Vorschlag für Unternehmenslenker?
BERGER: Einen ganz einfachen. Die Arbeitgeber sollten umdenken. Bei den Firmen, die wir "reframt", also neu ausgerichtet haben, konnten wir genau das erreichen. Dort werden die Mitarbeiter jetzt als Kreativitätsfaktoren behandelt. Es macht sie stolz, und sie sind glücklich, sich in einer so außergewöhnlichen Firma selbst verwirklichen zu können. Fast jeder erreicht die Grenze seines eigenen Potentials, um die Firma weiterzubringen.
ABENDBLATT: Ist dieser Ansatz auch wirtschaftlich erfolgreich?
BERGER: Sogar überaus erfolgreich. Einige Unternehmen, mit denen wir gearbeitet haben, konnten ihren Umsatz schon innerhalb eines Jahres verdoppeln und mußten dann auch die Belegschaft verdoppeln, um das überhaupt schaffen zu können. In einem Fall schenkt ausnahmslos jeder Kunde, der jetzt das Werk besucht, dieser außergewöhnlichen Unternehmenskultur mit einem Auftrag sein Vertrauen - und auch dem, was sich daraus ergibt: innovative, überzeugende Produkte zu vernünftigen Preisen. Die konzentrierte Freude, mit der alle Mitarbeiter bei der Sache sind, steckt an.
ABENDBLATT: Und das führen Sie ausschließlich auf den veränderten Umgang mit den Mitarbeitern zurück?
BERGER: Ja, denn die Idee des Business Reframing setzt genau an diesem Punkt an. Die härteste Realität in Unternehmen sind nicht die Gebäude, Anlagen, Patente oder Marken. Die härteste Realität in jedem Unternehmen ist das, was die Menschen, die dort arbeiten, über "ihr" Unternehmen denken. Diese Gedanken übertragen sich auf das Umfeld, die Kunden, die Lieferanten und lösen Erfolg oder Mißerfolg aus. Wenn ein Unternehmen das begriffen hat, wird es seine Mitarbeiter fortan als das größte Kapital der Firma ansehen, das gehegt und gepflegt werden sollte.
erschienen am 29. Juli 2006 im Hamburger Abendblatt
www.abendblatt.de/daten/2006/07/29/591629.html
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