von Wolfgang Berger*
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Damit Geld seine wohltuenden Wirkungen in der Wirtschaft entfalten kann, muss es fließen wie Blut in unserem Körper oder wie Wasser in der Natur. Der kleine Trick mit großer Wirkung beim fließenden Geld ist, dass das Ausgeben belohnt wird, nicht das Festhalten. Die "Demurrage" (Geldgebühr) entfällt für den, der Geld ausgibt, investiert, langfristig anlegt oder verschenkt.
Dadurch verstetigt sich der Geldumlauf. Die vielen segensreichen Wirkungen einer solchen Ordnung mit "fließendem Geld" sind ausführlich beschrieben. Ein wichtiger Aspekt, der oft nicht gesehen und verstanden wird, ist der Einfluss der Geldordnung auf die Investitionsentscheidungen der Unternehmen. Diesen Zusammenhang möchte ich hier erläutern:
Die Wirtschaftspresse berichtet immer wieder von Unternehmen, die sich gut entwickeln, weil sie richtige Investitionsentscheidungen getroffen haben und von Unternehmen, die sich schlecht entwickeln oder in ihrer Existenz bedroht sind, weil sie falsche Investitionsentscheidungen getroffen haben. Wie fallen solchen Entscheidungen und warum sind sie richtig oder falsch?
Die Unternehmen vergleichen die zusätzlichen Ausgaben und die zusätzlichen Einnahmen, die als Folge einer Investition während der Nutzungsdauer der Investition zu erwarten sind. Bei einer Produktionsanlage sind zusätzliche Ausgaben die Anschaffung und Installation, die laufende Wartung und Instandhaltung, Gehälter mit Nebenkosten für Bedienungspersonal und der Energieverbrauch. Zusätzliche Einnahmen sind die Erlöse für die Produkte, die mit der Anlage hergestellt werden. Weil diese Zahlen nur Schätzungen sein können, gehen sie oft mit ihren wahrscheinlichen Werten (Erwartungswerten) in die Rechnung ein.
Nun sind solche Schätzungen zukünftiger Zahlungsströme wie Äpfel und Birnen, die wir nicht addieren dürfen. Was ist Ihnen lieber: eine Million Euro heute oder eine Million Euro in zehn Jahren? Natürlich ziehen Sie die Million heute vor, denn wenn Sie's geschickt anfangen, können daraus in zehn Jahren schon zwei Millionen Euro werden. Und Unternehmern geht es nicht anders.
Sie können auch umgekehrt rechnen: Eine Million in zehn Jahren ist dann heute nur eine halbe Million wert ist. Eine sichere Million in zehn Jahren und eine halbe Million heute haben somit für Sie den gleichen Wert. Das ist deshalb so, weil Sie die Million in zehn Jahren auf den heutigen Wert heruntergerechnet haben - die Fachleute nennen diesen Rechenvorgang "Abzinsen". Ich habe dabei für Sie hier gerade mit etwa sieben Prozent gerechnet.
Um zukünftige Ausgaben und Einnahmen, die durch eine Investition ausgelöst werden, miteinander vergleichen zu können, müssen wir sie also alle auf den heutigen Wert abzinsen. Das erst macht sie vergleichbar und erst danach können wir die Ausgaben von den Einnahmen abziehen und dadurch wissen, ob die Investition vorteilhaft ist oder nicht. Die Differenz zwischen den abgezinsten Einnahmen und den abgezinsten Ausgaben nennen die Fachleute "Kapitalwert".
Ist der Kapitalwert einer Investition positiv, wird das Unternehmen wahrscheinlich durch die Investition um diesen Betrag reicher. Ist der Kapitalwert negativ, wird das Unternehmen wahrscheinlich durch die Investition um diesen Betrag ärmer. Wenn - wie das üblich ist - das Budget zur Finanzierung von Investitionen begrenzt ist, werden diejenigen Investitionen vorgezogen, die die höchsten Kapitalwerte haben.
Wenn Unternehmen den Kapitalwert ihrer Investitionen errechnen, müssen sie mit einem Zinssatz rechnen, der über dem liegt, was für sie auf dem Kapitalmarkt erzielbar wäre. Würden sie das nicht tun, könnten sie die Tore schließen, auf ihr Geschäft verzichten und statt in Anlagen zu investieren das Geld auf dem Kapitalmarkt anlegen. Die unternehmerischen Mühen und die Risiken einer Investition müssen sich lohnen.
Mittelständische Unternehmen rechnen deshalb oft mit 12 Prozent. Bei einer Investition, die in zehn Jahren eine Million Euro bringt, wird die erwartete Einnahme mit 12 Prozent auf den Wert von heute abgezinst und das sind dann nur noch 321.973 €. Wenn wir so rechnen sind
1 Mio € in 10 Jahren heute 321.973 €,
1 Mio € in 25 Jahren heute 58.823 €,
1 Mio € in 50 Jahren heute 3.460 €,
1 Mio € in 75 Jahren heute 204 €,
1 Mio € in 100 Jahren heute 12 €.
Nun ist bekannt dass vielen global agierenden Unternehmen 12 Prozent nicht genügen und sie eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent verlangen - die Deutsche Bank hat im abgelaufenen Jahr sogar 35 Prozent erzielt. Wenn wir mit 25 Prozent rechnen, bekommen wir andere Zahlen. Bei so hohen Forderungen an die Kapitalverzinsung sind
1 Mio € in 10 Jahren heute 107.374 €,
1 Mio € in 25 Jahren heute 3.778 €,
1 Mio € in 50 Jahren heute 14 €,
1 Mio € in 75 Jahren heute 0,05 €,
1 Mio € in 100 Jahren heute 0,0002 €.
Das bedeutet: Wenn wir in hundert Jahren eine Million Euro ausgeben müssen oder einnehmen und sie mit 25 Prozent auf den Wert von heute abzinsen, erhalten wir 0,0002 Euro - den Hundertsten Teil eines Zwei-Cent-Stücks.
Schauen wir uns an einem konkreten Beispiel an, was das bedeutet: Viele wollen "billigen" Atomstrom verbrauchen, aber niemand will den Abfall bei sich haben. Wir alle wissen um die Problematik der Endlagerung von Atommüll. Und wir wissen, dass diese Abfälle für ca. 100.000 Jahre sicher gelagert werden müssen, bevor sie einigermaßen unschädlich sind. Wenn wir heute solche Lager finden würden, müssten sie aus einer Epoche lange vor der Zeit der Neandertaler stammen. Wir haben keine Vorstellung davon, was diese Hinterlassenschaft bedeutet, welchen Veränderungen unser Planet in solchen Zeitaltern unterworfen ist und was wir unseren 4.000 nachkommenden Generationen damit antun.
Wenn nun einer unserer großen Energiekonzerne davon ausgeht, dass die Endlagerkosten in hundert Jahren eine Milliarde Euro sind, geht dieser Betrag abgezinst mit 0,0002 x 1000 Euro in die Rechnung ein - mit 20 Cent (1 Mio € in 100 Jahren sind heute 0,0002 € und eine Milliarde Euro = 1000 Millionen Euro). Mit 20 Cent rechnen wir kaum bei unseren persönlichen Ausgaben. Konzerne mit Milliardengewinnen tun das natürlich auch nicht. Die Nach-uns-die-Sintflut-Mentalität ist die Folge unseres auf Zins und Zinseszins gegründeten Geldsystems.
Centbeträge bei den Ausgaben einzusparen ist keinen Gedanken wert. Und für Einnahmen in Centhöhe lohnt es sich nicht, zu investieren. Der Schaden, den eine Investition in ferner Zukunft auslöst, ist heute sehr wenig wert und wird deshalb nicht berücksichtigt. Und die zukünftigen Einnahmen, die eine Investition bewirkt, sind heute auch wenig wert und brauchen nicht berücksichtigen werden. Es kommt allein darauf an, was in den nächsten zehn Jahren aus einer Investition wird. Danach kann dadurch die Welt untergehen - die Rentabilität beeinflusst das nicht.
In unserem heutigen destruktiven System können die Unternehmen deshalb nur die kurzfristigen Vorteile berücksichtigen. Sie holzen Bäume ab, die über Generationen gewachsen sind, zerstören Böden und Fischbestände für kurzfristigen Ertrag, ruinieren unser Klima und riskieren Endlagerkosten für atomare Abfälle für hunderttausend Jahre. Der Erhalt von Trinkwasserquellen, sauberer Luft, Artenvielfalt, tropischen Regenwäldern und dem klimatischen Gleichgewicht ist nicht rentabel.
Wenn ein Unternehmer nun aber seiner Verantwortung für die Zukunft der Menschheit gerecht werden will und nur solche Investitionen vornimmt, die die Natur erhalten und dem Leben dienen, hat das fatale Folgen für ihn: Seine in unserem Geldsystem unrentablen Investitionen senken den Wert des Unternehmens an der Börse - den "Shareholder Value" - und es wird ein Kandidat für eine so genannte "feindliche Übernahme". Ethisch verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln kann die Schäden, die unsere destruktive Geldordnung anrichtet, nicht aufwiegen.
Die letzten Jahre haben uns viele Beispielen geliefert, wo gut geführte Unternehmen mit einem niedrigeren "Shareholder Value" von - teilweise viel kleineren - Konkurrenten übernommen werden konnten, weil deren kurzfristig ausgerichtete und deshalb rentable Investitionsprogramme eine Übernahme finanzierbar gemacht haben. Hunderttausende Arbeitsplätze sind daraufhin abgebaut worden.
Fließendes Geld ändert das: Weil es nicht verzinst wird, wird es auch nicht abgezinst. Eine Million heute und eine Million in zehn oder in hundert Jahren haben den gleichen Wert. Das hat schwerwiegende Folgen: Zum Beispiel müssen dann die Trilliardenkosten für die Endlagerung atomarer Abfälle in den heutigen Preis des Atomstroms hineingerechnet werden. Die Konsequenz ist, dass wir dann mit einer einzigen Kilowattstunde Atomstrom unser ganzes Lebenseinkommen verprassen.
Verstehen Sie jetzt, warum die "wissenschaftliche" Ökonomie fließendes Geld totschweigt, warum die Politik wegschaut und die etablierte Presse die Augen davor verschließt? Der Wert von Unternehmen wird mit einem Zeithorizont von zehn Jahren berechnet, der "Kapitalwert der politischen Macht" dagegen nur mit einem Zeithorizont von vier Jahren.
Bei fließendem Geld wird nicht nur der zukünftige Schaden nicht abgezinst und geht mit seiner vollen Höhe in die Rechnung ein, auch der zukünftige Nutzen von Investitionen wird nicht abgezinst, sondern wird in voller Höhe bei den heutigen Investitionsentscheidungen berücksichtigt.
Von allen politischen Parteien wird immer wieder das Wirtschaftswachstum beschworen, weil es angeblich zahlreiche Probleme löst und wir werden aufgefordert, ihm vieles zu opfern. Die Qualität von Politik wird gar an erzielten Wachstumsraten gemessen. In der ökologischen Szene gibt es eine verbreitete Skepsis gegenüber diesem Fetisch.
Unter den heutigen Systembedingungen ist diese Skepsis berechtigt: Wachstum zerstört die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten und ist deshalb ein Selbstmordprogramm der Spezies Mensch. Der einzelne Selbstmordattentäter ist ein Terrorist. Unternehmen mit dem gleichen Programm agieren regelkonform und steigern ihren Wert: Unser destruktives Geldsystem zwingt sie dazu.
Bei fließendem Geld ändern sich diese Regeln: Investitionen werden - wie heute - auch dann nur durchgeführt, wenn sie sich lohnen. Alles, was die Umwelt zerstört und nicht dem Leben dient, ist aber plötzlich nicht mehr rentabel. Was übrig bleibt ist eine qualitative Entwicklung, die Nutzen stiftet, die Lebensbedingungen verbessert und die Ressourcen schont.
Fließendes Geld kann so den Menschen in der Dritten Welt ihre Würde wiedergeben und bei uns z. B. die Voraussetzungen für ein bedingungsloses Grundeinkommen schaffen. Das eröffnet neue Perspektiven für unsere persönliche Lebensgestaltung. Wie ein solcher neuer Spielraum ausgenutzt wird, ist Sache der politischen Willensbildung. Wir können uns darüber Gedanken machen, wenn es soweit ist.
Jetzt geht es darum, unsere Mitmenschen darüber aufzuklären, warum unser heutiges destruktives Geldsystem die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zerstört. Jetzt geht es darum der Welt zu erklären, warum fließendes Geld der Umwelt dient und damit uns allen und unseren Nachkommen über viele Generationen. Mit den obigen Zahlen können wir es vorrechnen. Zahlen sind unbestechlich, wir müssen nur richtig rechnen.
Mahatma Gandhi und Nelson Mandela haben allein mit den besseren Argumenten ihre Völker befreit. Ihre Anhänger waren zunächst eine Minderheit - ohne jede Macht. "Sobald die Minderheit aber ihr ganzes Gewicht einsetzt, wird sie unwiderstehlich", hat Henry David Thoreau geschrieben. Bitte, helfen auch Sie mit, der Bewegung, die auch diese Zeitschrift stützt, ihr ganzes Gewicht zu geben und unwiderstehlich zu werden. Helfen auch Sie mit, unsere Unternehmen von gefräßigen Raupen in Schmetterlinge zu verwandeln, die uns bei ihrem Flug mitnehmen. Es ist auch Ihre Entscheidung. Sie können jetzt wählen - zwischen schweigender Mitschuld und beherztem Engagement.
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* Prof. Dr. Dr. Wolfgang Berger leitet das Business Reframing Institut in Karlsruhe (www.business-reframing.de) und ist 1. Vorsitzender der Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung (www.inwo.de).
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