Business Reframing Institut

Wenn Scheine zu gebären scheinen

Lassen wir uns mit Geld beherrschen, oder könnte es uns dienen?

Interview mit Professor Dr. Wolfgang Berger, erschienen in der Zeitschrift "Provokant - Dialoge für eine gesündere Gesellschaft" (www.provokant.net)

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Warum die über 100jährige Theorie Silvio Gesells höchst aktuell ist "Hat je schon  einer ein Stück bedrucktes Papier arbeiten sehen? Nein. Es arbeiten doch immer nur Menschen..." Dies sagte uns der erfahrene Raiffeisenbanker Fritz Vogt, als wir ihn für unsere erste Ausgabe zum Problem des Zinses befragten.Er muss es wissen, und er weiß auch: Wer weniger als 300.000 Euro sein Eigen nenne, mit dem gehe es in der Regel abwärts. Wer aber mehr besitze, so sagt er, werde automatisch reicher. Dies mutet mystisch an. Hat der Teufel nicht nur den Schnaps, sondern auch das Geld gemacht? Anfang des vergangenen Jahrhunderts bereits hat der Sozialreformer Silvio Gesell ein Konzept dafür vorgelegt, wie ein offensichtlicher Fluch in einen wahren Segen verwandelt werden kann: durch "fließendes" Geld ohne die Übel von Zins und Zinseszins. Über das Schicksal dieser Idee sprachen wir mit dem Ökonomen Professor Dr. Wolfgang Berger, Karlsruhe:

"PROVOkant": Trotz ihrer fast hundertjährigen Geschichte haben die Geldreformideen Silvio Gesells im Bewusstsein der Menschen kaum Fuß gefasst. Selbst unter den akademischen Eliten sind sie nur wenig bekannt. Woran liegt das?

Prof. Dr. Wolfgang Berger: Hundert Jahre sind wenig gegen die mehr als tausend Jahre, in denen die Menschen vergessen hatten, dass die Erde eine Kugel ist und nicht der Mittelpunkt der Welt. Die europäische Antike, die amerikanischen Indiohochkulturen, die Ägypter der Pharaonenzeit und viele andere vor ihnen haben das schon lange vor Kopernikus gewusst. Aber mehr als tausend Jahre in Europa wurden alle gefoltert oder getötet, die dies wussten und auch gesagt haben, dass sie es wussten. Ähnliches geschieht gegenwärtig noch immer mit denen, die die Ideen Silvio Gesells für ein Geld ohne Zins propagieren.

Ein Argument seiner Gegner, das offenbar auch wir "Normalverbraucher" verinnerlicht haben, lautet: Wenn jemand Geld zur Verfügung stellt, ist es nur gerecht, dass er dafür ein Entgelt bekommt. Schließlich können mit dem Darlehen Werte geschaffen werden.

Geld hat noch nie Werte geschaffen. Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass Geld sich von allein vermehrt? Die Scheine, die in meinem Portemonnaie nebeneinander liegen, machen keinerlei Anstalten, weitere Scheine zu zeugen und zu gebären. Werte können immer nur durch Arbeit geschaffen werden. Weil nun aber unsere Geldordnung verlangt, dass die Geldverleiher (Jesus hat sie übrigens als Mörder bezeichnet) vergütet werden, ohne dass sie je eine Leistung erbracht hätten, muss der Wert ihrer Vergütung denen weggenommen werden, die ihn erarbeiten. Wir beobachten das zurzeit auf der ganzen Welt in dramatischem Ausmaß.

Zinsregime wäre also Diebstahl?

Wenn Sie die Verhältnisse so benennen wollen, wie sie sind, kann man das nicht anders sagen.

Merken das die Bestohlenen nicht?

Solange die Wachstumsraten der Wirtschaft höher sind als die Zinssätze, fällt dieser Diebstahl kaum auf oder scheint er erträglich. Westdeutschland hatte nach dem Krieg zweistellige Wachstumsraten (so wie heute China). Bei 12% Wachstum und einem Zinssatz von 5% können mithin 7% unter denen verteilt werden, die das Wachstum produziert haben. - Wie das zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern erfolgt und erfolgen sollte, steht auf einem anderen Blatt! - Heute aber ist Deutschland eine reife Volkswirtschaft mit niedrigen Wachstumsraten, wie China sie vielleicht in 60 Jahren auch haben wird. Bei 2% Wachstum und einem Zinssatz von 5% gibt es ganz offensichtlich nichts mehr zu verteilen. Im Gegenteil: Irgendjemandem muss der Fehlbetrag von 3% weggenommen werden.
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(erschienen in der Zeitschrift "Provokant - Dialoge für eine gesündere Gesellschaft" www.provokant.net)

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